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Die Geschichte von meinem Pony (wie sich ein "Aha" anfühlen kann)

03.02.2020

Ich bin immer wieder fasziniert, wie unsere Innere Weisheit wirkt. Wenn wir sie entdecken, dann führt sie uns nicht nur durch das Leben - egal, wie dicht und undurchdringlich der Nebel zu sein scheint. Sie bringt uns auch tiefe Erkenntnisse.

Von einem Moment auf den anderen wechseln wir die Blickrichtung auf eine Situation, auf einen Menschen, einen Konflikt oder eine Herausforderung, und dies führt zu einer tiefen Einsicht, zu einem tieferen Verständnis, zu einem echten Aha.

Und wenn es soweit ist, können wir es nicht fassen; nicht weil es so unglaublich ist - sondern ganz im Gegenteil: Weil es so offensichtlich ist, und immer da war. Wir können nicht glauben, wie blind wir waren, und doch waren wir blind und konnten es nicht sehen. Und das weckt dann in uns die tiefe Ahnung, was da noch alles sein könnte, direkt vor unseren Augen, was wir aktuell noch nicht sehen.

Kennst du diesen Spruch: "Ich bereue nichts"? Ich konnte das leider nicht sagen. Ich bereute eine Sache in meinem Leben sehr lange und sehr bitter. Ich konnte sie mir einfach nicht verzeihen.

Von dieser Sache möchte ich dir heute erzählen, und wie ein Aha meinen Blick darauf ein für allemal veränderte.

Als ich 16 Jahre alt war, erfüllte sich ein Traum für mich: Ich bekam ein Pony geschenkt. Nicht etwa zu Weihnachten oder zum Geburtstag, sondern einfach so. Zwischendurch. Der Großvater meines besten Freundes war gestorben, und hatte der Großmutter ein winziges Pony vererbt. Die hatte aber keinen Plan, keine Zeit, keine Kraft, sich darum zu kümmern.

Und so kam es, dass ich gefragt wurde, ob ich mich seiner annehmen will.

Bubi war in schlechter Verfassung, als er zu mir kam. Die Hufe waren monatelang nicht bearbeitet worden, er konnte kaum laufen, und bekam schwer Luft. Die ersten Monate kam ich aus lauter Krankheiten und akuten Notfällen gar nicht heraus. Mit sehr viel Intuition, Geduld und Dickköpfigkeit baute ich den kleinen Kerl, der immerhin auch schon 18 Jahre auf dem Buckel hatte, wieder auf.

Wir bauten ihm einen Offenstall, ich kochte ihm Leinsamen und machte ihm selbst Hustensaft gegen seinen Husten. Nach einiger Zeit kam das freche Pony in ihm wieder zum Vorschein und wir wurden dicke Freunde. Im Sommer spannte ich ihn vor die Kutsche, und wir fuhren zusammen Heu machen. Einmal rissen wir sogar zusammen von zu Hause aus.

Als ich dann meine Ausbildung begann, hatte ich weniger Zeit für ihn. Ich war länger von zu Hause fort als in der Schulzeit, und arbeitete auch noch Schicht und häufig auch am Wochenende. So brachte ich ihn zu einer Freundin, die einen Pferdehof hatte, und ihn kostenlos bei sich aufnahm. Ich brauchte nur das Nötige zahlen: Impfungen, Wurmkuren und Hufschmied.

Doch dann zog ich von zu Hause aus, um mit meinem Freund zusammenzuwohnen. Nach wenigen Wochen zerbrach die Beziehung, so dass ich plötzlich finanziell alleine für meine kleine Wohnung verantwortlich war. Jede Mark war kostbar. Außerdem sah ich mein Pony manchmal wochenlang nicht. Als die nächste Impfung anstand, traf ich darum die Entscheidung, ihn wegzugeben. Zu jemandem, der mehr Zeit für ihn hat, und ihm nochmal eine Aufgabe geben würde.

Es fand sich schnell ein Käufer. Er war Jockey, und so ging ich davon aus, dass er Ahnung von Pferden hat. Er hatte sogar bereits Pferde, Bubi war also nicht alleine. Ich besuchte ihn, und befand das neue Zuhause für gut. Wir wurden uns schnell einig. Ich wollte keinen Trennungsschmerz, deshalb sollte es schnell gehen. Natürlich tat es trotzdem weh.

Einige Wochen später beschloss ich, mal nach Bubi zu schauen. Das sollte ich lange bitter bereuen. Denn was ich sah, gefiel mir nicht. Bubi war angekettet auf der Wiese, von den anderen Pferden keine Spur. Ich erinnere mich an einige kahle Stellen in seinem Fell. Ich wurde furchtbar wütend auf den Jockey, fühlte mich hintergangen und belogen. Ich begann einen bösen Streit, doch er war völlig uneinsichtig. Ich wurde immer wütender, und schließlich fuhr ich wutentbrannt nach Hause, weil ich mir nicht besser zu helfen wusste.

Ich suchte einige Zeit nach einer Lösung, doch ich hatte nichts vertraglich vereinbart, mir schienen völlig die Hände gebunden. Auf die Idee, mit dem Jockey in Ruhe zu sprechen, kam ich überhaupt nicht. In meinen Augen war er ein total uneinsichtiger, kalter und verlogener Mensch.

Und weil mir auch nach Gesprächen mit anderen nichts einfiel, und ich mich gleichzeitig nicht mehr traute, nochmal hinzufahren, ließ ich die Sache auf sich beruhen.

Das zumindest war meine Theorie. In der Wirklichkeit belastete mich das Erlebnis jahrzehntelang. Der Schmerz schien sogar mit den Jahren schlimmer zu werden. Immer wieder kam ich an dieses tiefsitzende Schuldgefühl, an das Gefühl, alles falsch gemacht zu haben, was man falsch machen kann, einen Freund verraten zu haben, es nicht gut machen zu können.

Ich wusste, dass mein Pony inzwischen uralt sein müsste, und dass es vermutlich nicht mehr lebte. Ich wusste, dass ich es nicht mehr rückgängig machen kann, und dass ich Gras über die Sache wachsen lassen sollte. All das wusste ich in meinem Verstand. Aber es half mir nicht, dieses tiefsitzende Schuldgefühl, das mich immer wieder überfiel, aufzulösen.

Ich versuchte es mit Tiergesprächen und Ho'oponopono (hawaianisches Vergebungsritual). Ich verband mich mit dem Mädchen, das ich damals war, und versuchte, ihr zu verzeihen. Doch all das half nicht, wann immer ich daran dachte, fühlte ich mich, als hätte ich einen schrecklichen Fehler gemacht. Also schien die Lösung, nicht mehr daran zu denken.

Aber auch das war nicht machbar, denn wann immer ich ein Pony sah, das Bubi auch nur im Entferntesten ähnlich sah, kamen die alten Gefühle von Schuld und Reue und Trauer wieder hoch.

Nun kann man sagen, ok, dann muss man halt mit diesen Gefühlen leben. Aber da war etwas in mir, das spürte, dass ich nicht frei bin, solange mich solche Gefühle belasten. Ich kann keine freien Entscheidungen treffen. Ich würde nie ein neues Pferd haben können, solange ich das alte Erlebnis nicht verarbeitet hatte. Ich würde wieder in Schuldgefühle schlittern und hätte immer Angst, erneut solche Fehler zu machen.

Etwas in mir spürte, dass die Schuldgefühle unangemessen waren. Dass es etwas geben musste, sie aufzulösen. Ich versuchte es damit, sie zu fühlen. Alte Gefühle wollen gefühlt werden, damit sie sich auflösen können, heißt es. Ich weiß, dass da etwas dran ist, denn was wir unterdrücken, das wirkt in uns weiter. Aber dieses alte Gefühl hatte ich schon so oft gefühlt, dass ich nicht glaubte, dass es sich jemals durch Fühlen auflösen würde.

Dann geschah etwas Seltsames vor einigen Wochen. Es war Wochenende, und ich hatte meiner Tochter zugestimmt (die ihrerseits mit 15 Jahren aus dem Nichts ein Pony geschenkt bekommen hat, wie kurios die Dinge sich manchmal wiederholen, oder), mit ihr und ihrem Pony ein wenig durch den Wald spazieren zu gehen. Auf dem Rückweg hatten wir eine Unstimmigkeit, und so gingen wir den Weg zwar miteinander, aber jede war in ihre eigenen Gedanken vertieft.

Unser Weg führte uns an einer anderen Pferdekoppel vorbei, wo zwei uralte Pferde grasten. Genauer, ein Pferd und ein Pony. Ich kenne diese Pferde schon länger und bin ihnen schon oft begegnet. Sie wirken schon so lange so alt und zerbrechlich, und doch sind sie immer wieder noch da, wenn ich dort vorbei komme. Und dieses Mal hatte ich beim Anblick dieses alten Ponys, das schon so grau um die Nase ist, dass es beinahe aussieht, als wäre die Trense bei ihm eingewachsen, einen seltsamen Gedanken: Dieses Pony ist so alt, und es scheint ihm so gut zu gehen ...

Und in diesem Moment war es, als würde eine uralte Murmel ins Rollen geraten. Urplötzlich tauchte dieser Gedanke auf: Ich konnte es gar nicht wissen!

Was immer es ist, was dich belastet: Kannst du wirklich wissen, dass es wahr ist? Klick um zu Tweeten

Ich konnte gar nicht wissen, ob es meinem Pony an seinem Lebensende so schlecht ergangen ist, wie ich es mir immer ausgemalt hatte. All das war (vielleicht) nur ein Produkt meiner Fantasie.

In der Psychologie kennt man ein Phänomen, "Konfabulation" genannt, das bedeutet, dass wir Lücken in unserer Erinnerung füllen, und dann fest daran glauben, dass sie wahr sind. Es ist also erwiesen, dass wir unseren Erinnerungen nicht trauen können. Weiß ich heute wirklich so genau, was ich damals gesehen habe? Habe ich gesehen, was ich glaube, gesehen zu haben, oder war ich nicht möglicherweise noch in Trauer, voreingenommen, und habe zu schnell geurteilt?

Ich hatte zudem nur einen winzigen Ausschnitt gesehen, eine Momentaufnahme. Ich weiß heute nicht mehr, wie lang mein "Kontrollbesuch" war. Aber egal, ob es sich um 10 Minuten oder 2 Stunden handelte - es war nur ein Bruchteil der Zeit, die mein Pony bei seinem neuen Besitzer verbracht hatte.

Egal, wie real mir all das erscheint, was ich mir ausgemalt hatte - ich konnte es nicht wissen.

Ich habe damals nicht das Gespräch gesucht, und ich weiß heute nicht mit Sicherheit, dass das, was ich glaubte zu sehen, wirklich so war. Es gibt so viele andere Möglichkeiten.

Und diese Erkenntnis reichte aus, um das Erlebte loslassen zu können. Die uralten Schuldgefühle fielen in einem einzigen Augenblick von mir ab. Die Vergangenheit war, was sie war - und wenn ich es ohnehin nicht genau wusste, und auch nicht mehr ändern konnte, dann konnte ich mir doch genauso gut aussuchen, wie sie war.

Und ich erinnerte mich, dass das Leben immer für mich ist, und dass ich unmöglich die Verantwortung für alles tragen kann, was geschieht - ich hatte die Verantwortung für Bubi übertragen, als ich ihn verkaufte. Und wer weiß, ob ich sie überhaupt jemals trug. Sorgt nicht etwas Größeres für uns alle? Tragen wir wirklich so viel Verantwortung, wie wir zu tragen glauben?

Wie oft belasten wir uns mit alten Dingen, von denen wir glauben, dass sie genau so waren, wie wir uns daran erinnern? Wie oft dichten wir ganz viel dazu, und halten es dann für die Wahrheit? Wie schwer lastet das auf uns?

Und wie viel davon ist wirklich real?

Übrigens wäre es egal gewesen, wenn mir das vorher einer genau so gesagt hätte. Es ist ein riesiger Unterschied, ob wir etwas im Kopf zu wissen glauben, oder ob wir es wirklich sehen können. Als würden wir uns bis dahin immer etwas einreden, und auf einmal legt sich ein Schalter um, und wir sehen die Wahrheit dahinter.

Wenn du deine Gedanken zur Ruhe bringst, kann deine Innere Weisheit neue Erkenntnisse in dir aufsteigen lassen. Solche, von denen du denkst, wie banal sie sind. Wie du sie bisher übersehen konntest. Und die dennoch deinen Blick auf das Leben ein für allemal verändern.

Viel Spaß beim Entdecken ...

Bettina

PS: Mit einer neuen Erkenntnis öffnet sich oft eine neue Tür. Im Februar werde ich mir endlich einen langgehegten Traum erfüllen: Mein eigenes Pferd. Bubis Nachfolger sozusagen. Offenbar bin ich nun reif dafür.

Kategorien: Entspanntes Business | Schlagworte: entspann dich, Erkenntnisse, Innere Weisheit, ist das wahr?

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